
Gedanken aus dem SpiRaWi / Teil II
Was ein Ort erinnern kann.
Bevor im SpiRaWi gespielt, gelernt und gefeiert wurde, standen in diesen Räumen Regale. Dort, wo heute Kinder lachen und Eltern miteinander ins Gespräch kommen, wurden über Jahrzehnte hinweg Milch, Brot und frisches Gemüse verkauft. Die Pestalozzistraße 11 war seit 1953 ein Ort der Nahversorgung – geführt von der Familie Prahl, zunächst im alten Haus, später, ab 1970, auch im Anbau, der heute
den SpiRaWi beherbergt.
Wer hier einkaufte, tat das nicht anonym. Man kannte sich. Zwischen Kasse und Kühltheke wurden Neuigkeiten ausgetauscht, kleine Sorgen geteilt und Geburtstage nicht vergessen. Der Supermarkt war kein Durchgangsort, sondern Teil des Alltagsgefüges eines ganzen Viertels. Versorgung bedeutete hier mehr als Warenbestand – sie meinte Beziehung, Verlässlichkeit und ein vertrautes Gegenüber.
1993 endete diese Ära des Familienbetriebs. Und doch ist etwas geblieben. Vielleicht ist es nur ein Gefühl, vielleicht auch mehr.
Wer heute durch die Räume geht, spürt, dass dieser Ort schon lange vor uns ein sozialer Raum war – lange bevor dieses Wort selbstverständlich benutzt wurde.
Im SpiRaWi hängen Fotos zweier Gegenstände aus jener Zeit: eine alte Waage und die Glocke des Milchautos von Herrn Prahl. Die Waage hat nicht nur Äpfel und Möhren gewogen, sondern unzählige alltägliche Begegnungen begleitet. Die Glocke kündigte frische Milch an, ihr Klang hallte durch die Straßen und war für viele Familien ein vertrautes Signal. Beide erzählen von einer Zeit, in der Nähe nicht organisiert, sondern selbstverständlich war.
Dass diese Dinge heute hier einen Platz haben, ist kein nostalgischer Rückblick. Sie erinnern daran, dass Räume eine Geschichte tragen – und dass jede neue Nutzung in Beziehung zu dem steht, was zuvor war. Der SpiRaWi ist kein radikaler Neuanfang auf unbeschriebenem Boden. Er steht in einer Kontinuität des Miteinanders.
Wo früher eingekauft wurde, wird heute gespielt, gelernt, gelesen, gefeiert. Die Tätigkeit hat sich verändert, die Grundidee nicht: Menschen kommen zusammen. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Qualität dieses Ortes – dass er seit über siebzig Jahren Begegnung ermöglicht, wenn auch in unterschiedlichen Formen.
Manche Räume erfinden sich nicht neu. Sie werden weitergeführt.

Gedanken aus dem SpiRaWi / Teil I
Vom Leistungssport in den Sozialraum
Auf die Frage, warum ich den SpiRaWi gegründet habe, gibt es keine kurze Antwort.
Es ist keine spontane Idee, sondern das Ergebnis einer Entscheidung, die gereift ist.
Mehr als drei Jahrzehnte war ich im Leistungssport tätig. Das olympische Gerätturnen war mein berufliches Zuhause, die Turnhalle mein täglicher Wirkungsort. Dort entstanden Strukturen, Verantwortung und Entwicklung. Ich begleitete Turnerinnen bis in die 1. Bundesliga und leitete parallel die Nachwuchsarbeit einer Turn-Talentschule. Leistungsaufbau, strategische Planung und langfristige Förderung bestimmten meinen Alltag.
Ich erlebte, was möglich wird, wenn Disziplin, Vertrauen und fachliche Kompetenz zusammenfinden. Große Bühnen gehören dazu – ebenso wie die stille, konsequente Arbeit im Hintergrund. Doch nichts davon entstand allein. In enger Zusammenarbeit mit sorgfältig ausgewählten Fachkräften wuchsen tragfähige Strukturen, die über Jahre hinweg Entwicklung ermöglichten. Jeder Erfolg war Ausdruck gemeinsamer Verantwortung.
Mit der Zeit wurde mir jedoch auch die andere Seite dieser Systeme bewusst: ihr organisatorisches Gewicht, ihre komplexen Dynamiken, die Energie, die sie fordern. Als sich 2024 die Rahmenbedingungen im Verein grundlegend veränderten und ein erneuter struktureller Aufbau absehbar wurde, stand ich vor einer Entscheidung.
Ich habe mich nicht abgewandt – ich habe gewählt.
Nicht aus Enttäuschung oder aus Müdigkeit, sondern aus der Frage heraus, wohin meine Kraft künftig fließen soll.
Was mir in der Zeit danach fehlte, waren nicht Titel oder Wettkämpfe. Es war die unmittelbare Nähe zur täglichen Arbeit mit Kindern und jungen Erwachsenen. Das gemeinsame Training. Die Gespräche zwischen den Einheiten. Die leisen Fortschritte, die nicht auf einer Bühne sichtbar werden, sondern im Inneren wachsen. Nach der Trennung vom Leistungssport begann für mich eine Phase des Innehaltens. Ohne nächstes Projekt, ohne klaren Plan. Diese Leerstelle war kein Bruch, sondern ein Raum, in dem sich Wesentliches neu ordnen konnte.
Mir wurde deutlich, was meine Arbeit tragen soll: Nähe, Verantwortung und Qualität – in überschaubaren Strukturen, die Entwicklung ermöglichen, ohne sie zu überformen.
Aus dieser Klarheit heraus entstand der Gedanke eines eigenen Ortes. Kein Eventformat. Sondern ein verlässlicher Rahmen für Begegnung, Bildung und Beziehung. Ein Raum, in dem junge Menschen wachsen dürfen, ohne ständig bewertet zu werden, und in dem Eltern bleiben können, ohne Erwartungen erfüllen zu müssen.
Als sich im Februar 2025 die Tür eines Ateliers in der Pestalozzistraße 11 für immer schloss, empfand ich das als Einladung, diese Tür unter anderen Vorzeichen wieder zu öffnen.
Der SpiRaWi ist kein nostalgischer Rückblick. Er ist Ausdruck einer Haltung.
Bewusst überschaubar. Im Sozialraum verankert. Professionell geführt.
Ich möchte nicht größer werden. Ich möchte wirksamer sein.
Genau daraus ist der SpiRaWi entstanden.
